Krise des Europäischen Währungssystems

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Die Krise des Europäischen Währungssystems war eine vom September 1992 bis zum August 1993 anhaltende kritische Phase des Europäischen Währungssystems (EWS). Während dieser Zeit geriet das System durch externe Akteure sowie systeminterne Probleme ins Schwanken und die durch das Europäi-sche Währungssystem gesetzten Ziele konnten nicht mehr erfüllt werden. Ein Teil des Europäischen Währungssystem, die European Currency Unit, war ein früher Anlauf, um eine gemeinsame europäische Währung zu schaffen. Das seit dem 13. März 1979 bestehende Europäische Währungssystem fand durch diese Krise im August 1993 ihr effektives Ende und wurde bis zum 31. Dezember 1998 nur noch auf dem Papier fortgeführt.

Geschichte des Europäischen Währungssystems bis 1992

Das Europäische Währungssystem (EWS) wurde am 13. März 1979 eingeführt und sollte die bereits bestehenden Bemühungen, ein stabiles Währungssystem in Europa zu errichten, fortsetzen. Hauptziel des EWS war es die wirtschaftliche Stellung Europas auf dem internationalen Markt zu verbessern. Dies sollte anhand einer Währungszone mit stabilen aber bei Bedarf anpassbaren Wechselkursen der Währungen erreicht werden. Der Wechselkurs der Mitgliedswährungen durfte nur um bis zu 2,25% zu- oder abnehmen. Falls dieser Wert überschritten wurde war es die Aufgabe der jeweiligen Zentralbank einzuschreiten und durch Stützungskäufe bzw. durch Stützungsverkäufe den vorgegebenen Rahmen wieder einzuhalten. Finanziert wurden diese Maßnahmen durch einen sogenannten Währungspool, in welchen jedes Mitgliedsland 20% seiner Gold- und Devisenreserven einzahlen musste. Eine weitere Maßnahme des EWS war die „European Currency Unit“ (ECU), die in der internen Verrechnung verwendet wurde. Diese war eine künstliche Währung deren Wert sich aus den Wechselkursen der verschiedenen Länderwährungen der Mitglieder zusammensetzte. Somit war die ECU eine Vorstufe der gemeinsamen Währung. Bis ins Jahr 1992 konnte das europäische Währungssystem seine gesetzten Ziele größtenteils erfolgreich verfolgen.

Ursachen der Krise

Die Krise des Europäischen Währungssystem hatte viele unterschiedliche Ursachen von denen jedoch drei als besonders gravieren hervorzuheben sind. Als Grund für die Krise werden häufig die Versteifung der Politik auf die Befolgung der EWS Richtlinien, die Septemberkrise des EWS im Jahr 1992 sowie der negative Einfluss von Währungsspekulanten genannt.

Versteifung der Politik:

Um das Ziel eines konstant bleibenden Währungskurses zu erreichen griffen die Notenbanken der EWS Mitgliedsnationen auf eine Bandbreite an Maßnahmen zurück. Diese reichten vom Einreden auf Markt-teilnehmer (das sogenannte „moral suasion“[1]), zinspolitische Maßnahmen, Devisenmarktinterventio-nen, Kapitalverkehrsbeschränkungen und Änderungen der Leitkurse bis hin zum Austritt aus dem Euro-päischen Währungssystem. Die Festlegung des Leitzinssatzes war eines der wichtigsten Werkzeuge des EWS und auch der heutigen Konjunkturpolitik. Dieser Leitzins besagt wie hoch der Zinssatz für das Aus-leihen von Krediten bei einer Zentralbank oder Notenbank ist. Somit gibt er an wie „teuer“ neues Geld ist. Werden die Zinssätze angehoben, so sinken die Anfragen für Kredite bei den Notenbanken und wird der Zinssatz gesenkt steigern sich die Anfragen. Dadurch gelangt mehr oder weniger frisches Geld in die Wirtschaft und die Inflation oder Deflation einer Währung kann kontrolliert werden.

Abbildung 1: Effekte der Änderung des Leitzinssatzes

Die anzuwendenden Maßnahmen sollten sich ursprünglich an der ECU orientieren, jedoch haben sich nach einer Weile Ankerwährungen gebildet, die sich als neues Vorbild für geldpolitische Maßnahmen etabliert haben. Die deutsche Mark spielte hierbei eine besonders bedeutende Rolle. Da andere Notenbanken das Vorgehen Deutschlands kopierten kam es dazu, dass falsch auf die derzeitigen Konjunkturphasen reagiert wurde. Es wurden Beispielsweise in Deutschland konjunkturfördernde Maßnahmen unternommen, diese wurden von den anderen Mitgliedern kopiert und haben dort unter Umständen eine Inflation, also Senkung des Geldwertes, geschaffen oder verstärkt. Dadurch stand sich das System selbst dabei im Weg, sein gesetztes Ziel zu erreichen.

Septemberkrise:

Durch den sogenannten Schwarzen Mittwoch am 16. September 1992 wurde die Septemberkrise gestar-tet. Auslöser waren Währungsspekulationen insbesondere gegen das britische Pfund Sterling. Der Pfund sollte für Investoren an Attraktivität gewinnen durch eine Erhöhung der Zinsen auf zunächst 10% und dann kurz darauf 12%. Zuletzt wurden sogar 15% in Aussicht gestellt. Letztendlich wurde noch am selben Tag bekanntgegeben, dass Großbritannien das Europäische Währungssystem verlassen wird.[2] In Frankreich wurde im September des Jahres 1992 eine restriktive Geldpolitik nachgeahmt und ein hoher Leitzinssatz angesetzt, obwohl sich das Land in einer Rezession befand und dringend eine konjunkturfördernde Maßnahme benötigte. Im Gegensatz dazu konnte sich Deutschland durch die Wiederver-einigung eines starken Wirtschaftswachstums erfreuen. Der dadurch entstehende sinkende Wechselkurs des Franc musste durch Stützungskäufe in Form von Devisenreserven wieder ausgeglichen werden. Deutschland hat die nötigen Ankäufe zum einen durch den dafür vorgesehenen Europäischen Fond für Währungspolitische Zusammenarbeit (EFWZ) finanziert und zum anderen selbst große Investitionen in den Devisenreserven unternommen. Diese Stützungskäufe zugunsten der Banque de France geschahen auf freiwilliger Basis. Freiwillige Maßnahmen zugunsten anderer Währungen gab es vor diesem Zeit-punkt im Europäischen Währungssystem nicht.Nach diesen freiwilligen Maßnahmen wurde Kritik am EWS geäußert, laut der die Erhaltung des Systems über ihr gesetztes Ziel gestellt wurde. Als Grund dafür wurde die künstliche Beeinflussung der Wechsel-kurse genannt. Damit die Kurse den vorgegebenen Rahmen von 2,25% Schwankungen einhalten konn-ten, waren große Investitionssummen in Devisenreserven notwendig. Diese hatten mitunter eine starke Unter- oder Überbewertung der Mitgliederwährungen zur Folge. Dem System wurde vorgeworfen, dass sich die Wechselkurse von allein stabilisiert hätten, wären angemessene Konjunkturmaßnahmen getrof-fen und der Kurs nicht gezielt beeinflusst worden. Demnach hätte die Auflösung des EWS bzw. der Aus-tritt aus dem System eine bessere Kursstabilisierung zur Folge, als die Festhaltung am bestehenden Sys-tem. Demnach steht sich das EWS selbst bei der Zielerfüllung im Weg.

Währungsspekulation:

Abbildung 2: Einfaches Beispiel für Währungsspekulation

Auf Devisenmärkten sind Währungsspekulanten aktiv, die gezielt Wechselkursveränderungen hervorru-fen, um von diesen profitieren zu können. Spekulanten können auf den Werteverlust einer Währung durch eine rückläufige Wirtschaft setzen, indem sie verstärkt diese Währung verkaufen. Durch das Ab-stoßen der Fremdwährung versuchen sie bei anderen Devisenmarktakteuren dieselbe Reaktion hervor-zurufen. Da der verstärkte Verkauf einer Währung darauf hindeutet, dass diese an Wert verlieren wird ziehen andere Devisenmarktakteure werden versuchen ihre Währungsreserven aufzulösen, um dem Werteverlust möglichst zu entgehen. Durch den Verkauf der Währung entsteht jedoch die Abwertung der Währung überhaupt erst. Sobald dies geschieht haben die Spekulanten ihr Ziel erreicht und können mit geringem Risiko erhebliche Gewinne einfahren.Für diese Art der Spekulationen sind nicht unbedingt Investitionen der eigenen Finanziellen Mittel not-wendig. Spekulanten können sich Geld in der bedrohten Währung leihen und mit diesen neu erworbenen Mitteln eine starke Währung einkaufen. Wenn die ursprüngliche Währung abgewertet wird, kann die starke Währung wieder zurückgewechselt und die Schulden abbezahlt werden. Durch den Werteverlust der ursprünglichen Währung bekommt der Spekulant nach dem Rücktausch einen wesentlich höheren Geldbetrag ausgezahlt. Mit diesem kann er die Schulden und jegliche entstandene Transaktionskosten zahlen und trotzdem einen erheblichen Gewinn erwirtschaften.Den stärksten Werteverlust in kurzer Zeit haben Währungen beim Austritt eines Landes aus dem EWS erlitten, da die Maßnahmen des Systems den Wechselkurs immer wieder künstlich aufgewertet haben. Sobald diese Maßnahmen nicht mehr greifen wird der Kurs sich irgendwann von allein regulieren, aber zunächst stark absinken. Somit stellt der Länderaustritt für Spekulanten eine Gelegenheit dar, in kurzer Zeit umfangreiche Gewinne einzufahren. Die Währungsspekulanten, die dieses Ziel verfolgten, haben somit aktiv gegen das System gearbeitet und versucht den Devisenmarkt zur persönlichen Bereicherung zu destabilisieren.

Folgen der Krise

Die Krise der Jahre 1992 und 1993 brachte das Europäische Währungssystem ins Wanken und es wurden gravierende Veränderungen eingeführt.

Der Spielraum für Währungsschwankungen wurde von 2,25% auf 15% angehoben. Diese Maßnahme erlaubte es den Währungen sich stärker selbst zu regulieren, sodass weniger Eingriffe durch das EWS nötig waren. Das Anheben dieser Grenze auf einen so hohen Wert bedeutete aber auch, dass das Ziel des Systems stabile Wechselkurse zu gewährleisten, gescheitert ist. Bei eine Schwankungsbreite von insgesamt 30% kann kaum mehr von Stabilität gesprochen werden.

Eine weitere Folge der Krise war der Austritt aus dem Wechselkursmechanismus von Italien und Großbritannien.

Das Europäische Währungssystem wurde effektiv im August 1993 beendet, nachdem das gesetzte Ziel nicht erfolgreich verfolgt werden konnte. Offiziell war das EWS bis zum 31. Dezember 1998 fortgeführt, jedoch ohne Maßnahmen durch den Wechselkursmechanismus. Einige Länder, insbesondere Deutschland, führten das System teilweise oder sogar komplett fort, da die getroffenen Maßnahmen des EWS dort Erfolg hatten.

Das Europäische Währungssystem und somit auch der Wechselkursmechanismus waren zwar ab 1993 nicht mehr aktiv, jedoch traten trotzdem im weiteren Verlauf der 90er Jahre neue Mitgliedsländer in den EWS ein. Dies hatte den Hintergrund, dass am 01. Januar 1999 der Wechselkursmechanismus II und das EWS II eingeführt wurden. Dieses System regelte die Staaten der Euro-Währungsgebiete, die sogenannte Eurozone. Eine Kondition für den Eintritt in dieses System war die Mitgliedschaft im ersten EWS. Daher waren die Eintritte auf lange Sicht noch sinnvoll, obwohl sie zum Zeitpunkt des Eintrittes noch keinen direkten Nutzen für die Währungsstabilität der eigenen Währung ziehen konnten.

Literaturverzeichnis

Busch, Klaus (1993): Maastrichter Vertrag, EWS-Krise und optimaler Währungsraum, Gewerkschaftliche Monatshefte, Band 44, 9. Auflage, Seiten 532-543

Herz, Bernhard (1993): Die Folgen der September-Krise des EWS, Wirtschaftsdienst, Baden-Baden, Band 73, 5. Auflage, Seiten 247-251

Paul R. Krugman, Maurice Obstfeld, Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft,8., aktualisierte Auflage, Pearson Studium, Seite 741ff

  1. Wikipedia contributors, "Moral suasion," Wikipedia, The Free Encyclopedia, https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Moral_suasion&oldid=961458932 (accessed June 23, 2020)
  2. Wikipedia contributors, "Black Wednesday," Wikipedia, The Free Encyclopedia, https://en.wikipedia.org/w/index.php?title=Black_Wednesday&oldid=964944426 (accessed June 29, 2020).