Konjunktur

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Als Konjunktur (lateinisch: coniungere = vereinigen, verbinden) bezeichnet man ein über mehrere Jahre hinweg in einer Volkswirtschaft wiederkehrendes Grundmuster von Auf und Ab der wirtschaftlichen Aktivität.[1] Weiterhin können mehr oder weniger regelmäßige Schwankungen ökonomischer Größen stattfinden wie z.B. Produktion, Beschäftigung, Zinssatz und Preise. Mit der Folge, dass zyklische Schwankungen der gesamtwirtschaftlichen Aktivität entstehen können. Gemessen werden kann dieses durch den Grad der Kapazitätsauslastung. Der wichtigste Indikator hierfür ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt).

In der Volkswirtschaftslehre versteht man unter dem Begriff Konjunktur, wenn Nachfrage- und Produktionsschwankungen zu Veränderungen des Auslastungsgrades der Produktionskapazitäten führen (in Abgrenzung von der Entwicklung der Kapazitäten im Sinne von wirtschaftlichem Wachstum selbst) und wenn sie eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen (in Abgrenzung von einmaligen Sondereinflüssen).

Diese wiederkehrende wellenförmige Veränderungsweise des wirtschaftlichen Aktivitätsniveaus innerhalb einer Marktwirtschaft wird durch die Konjunkturtheorien untersucht und zu erklären versucht. Dabei werden unterschiedliche Methoden angewandt, um aus den beobachteten Daten das regelmäßige Ablaufmuster eines Konjunkturzyklus zu gewinnen, insbesondere dessen oberen und unteren Umkehrpunkte.

Im Unterschied dazu betrachtet die Wachstumstheorie den langfristigen Trend des Wachstums einer Volkswirtschaft im Gleichgewicht. Um den Konjunkturverlauf an und für sich zu betrachten, muss demzufolge von dem zugrunde liegenden Wachstumstrend abstrahiert werden. Die konjunkturtheoretische Analyse überschneidet sich zum Teil mit der Beschäftigungstheorie.

Als Konjunkturzyklen werden häufig unterschieden:

  • Aufschwungphasen (Expansion),
  • Hochkonjunktur (Boom),
  • Abschwungphasen (Rezession) und den
  • Tiefphasen (Depression).

Je nach zugrunde gelegter Theorie, verfügbaren zuverlässigen Indikatoren und den für die einzelnen Volkswirtschaften maßgeblichen Gremien gibt es jedoch abweichende Definitionen darüber, etwa was eine "Rezession" darstellt und wann diese eingetreten ist.

Verbessert sich die Konjunktur in bestimmten Teilbereichen einer Volkswirtschaft aufgrund einer außerordentlichen Situation - zum Beispiel einer Änderung gesetzlicher Rahmenbedingungen - für einen begrenzten Zeitraum, so spricht man auch von einer Sonderkonjunktur.

Wirtschaftspolitische Maßnahmen zur Abschwächung konjunktureller Schwankungen werden als Konjunkturpolitik bezeichnet.

Wirtschaftsschwankungen

Folgende Arten von Wirtschaftsschwankungen lassen sich aufgrund der Länge der Zyklen unterscheiden:

  • Saisonale Schwankungen sind kurzfristiger Natur (etwa drei Monate), sie sind vorher einplanbar und werden durch sich ändernde Wetterbedingungen in den Jahreszeiten verursacht. Diese schlagen sich vor allem branchenspezifisch nieder (wie etwa Abnahme der Wertschöpfung in der Baubranche im Winter).
  • Konjunkturelle Schwankungen sind mittelfristiger Natur (etwa vier Jahre): Sie sind schwieriger in den Griff zu bekommen und bilden die Hauptaufgabe der Wirtschaftspolitik. Sie kommen durch Ungleichgewichte zwischen gesamtwirtschaftlicher Nachfrage und gesamtwirtschaftlichem Angebot zustande und werden zudem noch von zeitlichen Anpassungsverzögerungen beeinflusst.
  • Strukturelle Schwankungen (Kondratjew-Zyklen) sind langfristiger Natur (rund 50 bis 60 Jahre). Sie werden durch tiefgreifende Veränderungen in der Wirtschaft ausgelöst (technischer Fortschritt, Industrialisierung, Computertechnologie) und haben große Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Hier kann die Politik jedoch nur unter Schwierigkeiten eingreifen.

Länge der Zyklen

Unabhängig von einander haben mehrere Konjunkturforscher Schwankungen unterschiedlicher Länge identifiziert. Kitchin beispielsweise fand Zyklen mit einer Länge von zwei bis vier Jahren, Spiethoff solche mit einer Dauer von sieben bis elf Jahren. Gefunden wurden außerdem Zyklen mit einer Dauer von etwa 40 bis 60 Jahren, die Schumpeter als „lange Wellen“ oder Kondratjew-Zyklen bezeichnete.

Die Länge, die man einem Konjunkturzyklus zuschreibt, hängt wesentlich davon ab, ob man das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität (in der Regel gemessen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion, also dem Bruttoinlandsprodukt) als Maßstab heranzieht, oder die Wachstumsraten. Grenzt man Anfang und Ende eines Konjunkturzyklus danach ab, ob die Wirtschaftsleistung absolut rückläufig war („Klassische Konjunkturzyklen“), so findet man längere Zyklen. Eine Einteilung anhand von Zuwachsraten führt zu einer größeren Zahl von kürzeren „Wachstumszyklen“. Alternativ kann man Konjunkturen daran messen, wie stark die Produktionskapazitäten der Unternehmen ausgelastet sind. Hier sind Schwankungen zwischen etwa 70 Prozent (Rezession) und 100 Prozent (Boom) denkbar. Entsprechend lautet die betriebswirtschaftliche Definition der Konjunktur nach gängiger Lehrmeinung: Schwankungen im Auslastungsgrad des Produktionspotentials einer Volkswirtschaft. Hier wird sowohl ein Makrozyklus von mehreren Jahren bis zu Jahrzehnten Dauer beschrieben als auch beinhaltete Microzyklen von wenigen Jahren, nicht jedoch unterjährige Saisonzyklen.

Phasen des Zyklus

Vorlage:Konjunkturphasen

Konjunkturverlauf (Theorie)
Theoretischer Konjunkturverlauf in der Konjunkturuhr, wie sie z. B. im Rahmen des Ifo Geschäftsklimaindex Verwendung findet

Von verschiedenen Forschern und Institutionen werden Konjunkturzyklen in mehrere Phasen eingeteilt. Verbreitet ist ein Zwei-Phasen-Schema, bei dem der Konjunkturzyklus in einen Aufschwung und einen Abschwung eingeteilt wird. Dabei nehmen die Aufschwungphasen meist den weitaus größten Teil des Zyklus ein, während Abschwungphasen im Allgemeinen recht kurz sind. Dieses Schema ist insbesondere in den USA sehr verbreitet. Dort dauerten die Aufschwünge zwischen 1945 und 2001 im Durchschnitt 57 Monate, die Abschwünge hingegen nur 10 Monate.[2] Die letzte, ziemlich schwache Expansionsphase in den USA wird in einem EPI Papier den Jahren 2001 bis 2007 zugeordnet.[3]

Anmerkung zur Grafik: Rezession = Abschwung ; Depression = Konjunkturtief

Expansive Phase (Aufschwung)

Als expansive Phase bezeichnet man die Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Sie ist geprägt durch steigende Auftragsbestände und Produktionen, das Sinken der Arbeitslosenquoten, eine tendenziell wahrnehmbare jedoch noch geringe Preissteigerung (Inflation), niedrige Zinsen mit steigender Tendenz sowie optimistische Prognosen zur wirtschaftlichen Entwicklung.

Weiterhin ist sie gekennzeichnet durch verbesserte Kapazitätsauslastung, steigende private Investitionen und Lohnsumme, zunehmendes Volkseinkommen und erhöhten privaten Konsum.

Hochkonjunktur (Boom)

In der Phase der Hochkonjunktur (obere Wendepunktphase, Boom) sind aufgrund von starker Nachfrage die Kapazitäten einer Wirtschaft voll ausgelastet. Es herrscht Vollbeschäftigung. Das Lohnniveau steigt, die Preise und die Zinsen ziehen weiter an, eine Erhöhung des realen Volkseinkommens ist nicht mehr möglich. Die Produktion wird so lange gesteigert, bis eine Überhitzung des Marktes eintritt - wenn also steigende Zinsen aufgrund erhöhter Kreditnachfrage und vermehrte Fehlinvestitionen aufgrund übermäßig optimistischer Erwartungen immer mehr Unternehmen Probleme bereiten. Man spricht hier von Marktsättigung. Merkmale eines gesättigten Marktes:

  • Marktvolumen steigt nur noch in geringem Umfang
  • Teilmärkte werden von Stagnation oder Schrumpfung erfasst
  • Preisverfall
  • weniger produktive und viele kleine Unternehmen scheiden aus dem Markt aus
  • Unternehmensübernahmen verstärken Konzentrations- und Konsolidierungsprozesse
  • polypolistische Marktstrukturen werden durch oligopolistische Strukturen ersetzt

Von nun an nimmt das Bruttoinlandsprodukt zwar noch weiter zu, jedoch mit sinkenden Wachstumsraten. Die Phase des Abschwungs wurde eingeleitet.

Rezession

Die Rezession (Abschwung, kontraktive Phase) bezeichnet die Konjunkturphase, in welcher eine Stagnation bis hin zum Abschwung der Wirtschaft auftritt. Die in der Boomphase bei überhöhtem Zinsniveau durchgeführten Investitionen erweisen sich bei relativer Preisstabilität als unrentabel, daraus ergibt sich ein Rückgang der privaten Investitionen sowie eine Stagnation des privaten Konsums. Weiterhin sinken Gewinne und Lohnsummen mit der Folge, dass immer mehr Unternehmen in Schwierigkeiten geraten.

Nach der am meisten verbreiteten Definition liegt eine Rezession vor, wenn die Wirtschaft in zwei aufeinander folgenden Quartalen im Vergleich zu den Vorjahresquartalen nicht wächst oder ein Rückgang zu verzeichnen ist (sinkendes Bruttoinlandsprodukt).

In den Vereinigten Staaten führt das Business Cycle Dating Committee des National Bureau of Economic Research Buch über die Konjunkturentwicklung, wobei es indes nicht stets die gleichen Messgrößen verwendet. Je nach Datenqualität wird unterschiedlichen Indikatoren vertraut, das wirtschaftliche Aktivitätsniveau richtig abzubilden; so 2007/2008 insbesondere den Beschäftigungszahlen, die bei den Unternehmen erhoben wurden. Eine Rezessionsphase wird hierbei bestimmt vom oberen Scheitelpunkt bis zum untersten.[4]

Nach dem Kriterium des Sachverständigenrates liegt eine Rezession dann vor, wenn ein Rückgang der relativen Output-Lücke um mindestens zwei Drittel der jeweiligen Potenzialwachstumsrate mit einer aktuell negativen Output-Lücke einhergeht.[5]

Laut dem Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) in Österreich ist allein ein Rückgang der Wachstumsraten in zwei aufeinander folgenden Quartalen (immer im Vergleich zur Vorjahresperiode) noch nicht als Rezession zu bezeichnen, sondern erst wenn zwei Quartale mit Negativwachstum vorliegen. Also erst eine schrumpfende Wirtschaft steckt in einer Rezession, nicht aber eine nur mehr leicht wachsende Wirtschaft. Verschärft sich eine Rezession oder kommt es zu einer längeren kontraktiven Phase, spricht man von "Depression".

Eine Rezessionsphase ist im Allgemeinen gekennzeichnet durch:

  • Abschwächung der Hochkonjunktur
  • pessimistische Beurteilung der Wirtschaftslage
  • Rückgang der Nachfrage
  • überfüllte Lager
  • Abbau von Überstunden und beginnende Kurzarbeit
  • fehlende Investitionen
  • teilweise Stilllegung von Produktionsanlagen
  • stagnierende oder sinkende Preise, Löhne und Zinsen
  • fallende Börsenkurse

Depression (Konjunkturtief)

Ein Konjunkturtief ist der Tiefstand nach dem Abschwung einer Volkswirtschaft. Verstärkt wird sie durch Strukturkrisen, in denen über einen längeren Zeitraum die wirtschaftliche Tätigkeit (wie es etwa das Bruttoinlandsprodukt anzeigt) zurückgeht, die Börsenkurse fallen, die Arbeitslosigkeit stark ansteigt und Deflation aufkommt (das heißt das Preisniveau sinkt, Güter werden günstiger).

Die ebenfalls häufig verwendete Bezeichnung "Depression" (lat.: deprimere = niederdrücken) meint im eigentlichen Sinne nicht ein Konjunkturtief, sondern eine negative Wachstumsrate, also ein sinkendes absolutes Bruttoinlandsprodukt. Häufig wird der Begriff Depression mit der Weltwirtschaftskrise am Ende der 1920er Jahre in Zusammenhang gebracht, wo er erstmals genannt wurde. Diese Depression war geprägt von einer Massenarbeitslosigkeit bis dahin unbekannten Ausmaßes. Als Beginn der damaligen Weltwirtschaftskrise wird auch der Zusammenbruch der Börsen am so genannten schwarzen Freitag, dem 25. Oktober 1929, bezeichnet.

Den Befürwortern psychologischer Gründe für Wirtschaftskrisen zufolge liegt die Hauptursache für eine Depression im Zusammenbruch des Vertrauens in das Funktionieren der Wirtschaft. Angst vor Jobverlust führt ihnen zufolge zu verminderten Ausgaben, die wiederum zu vermehrten Entlassungen führen. Andere machen wirtschaftspolitische Fehlentscheidungen verantwortlich (im Fall der Weltwirtschaftskrise etwa übermäßiger Protektionismus und mangelnde Maßnahmen um Einflüsse von Kursverlusten auf wichtige Märkte zu reduzieren) oder andere Faktoren - unter anderem Herdentrieb bei Investitionen und exogene Einflüsse.

Konjunkturtheorien

Dem Phänomen Konjunktur kann man sich aus unterschiedlichen Perspektiven nähern:

  • Eine phänomenologische Sichtweise setzt sich mit dem Konjunkturzyklus als solchem auseinander. Sie versucht, aus dessen Dauer, der Länge der verschiedenen Phasen und dem Verhalten verschiedener Teilaggregate (wie Beschäftigung, Investitionen, Exporte) Lehren für den künftigen Ablauf der Konjunktur zu ziehen. Diese Sichtweise ist insofern wichtig, als sie Konjunkturzyklen überhaupt erst als eigenständiges Forschungsobjekt etabliert.
  • Eine analytische Sichtweise versucht das Zustandekommen von Konjunkturschwankungen durch Ansätze aus der Wirtschaftstheorie zu erklären. Einen Ansatzpunkt bieten Akzelerator-Multiplikator-Ansätze (Multiplikator-Akzelerator-Modell). Andere Erklärungsversuche stellen Lagerzyklen in den Mittelpunkt der Erklärung. Als Auslöser von Konjunkturschwankungen werden zudem finanz- oder geldpolitische Maßnahmen analysiert; auch werden politische Zyklen diskutiert, sowie psychologische und sonstige Ursachen.
  • Eine exogene (außerwirtschaftliche) Sichtweise betrachtet die Faktoren, die nicht unmittelbar mit der Wirtschaft zu tun haben. So sind zum Beispiel Kriege, Naturkatastrophen, Entdeckungen, Erfindungen, neue Rohstoffquellen Faktoren, die die Konjunktur verändern können.

Die verschiedenen Schulen der Volkswirtschaftslehre favorisieren dabei unterschiedliche Erklärungsansätze:

  • Die Klassiker kannten zwar schon das Phänomen konjunktureller Schwankungen, sie erklärten diese aber mit singulären Ereignissen (Schocks) wie Missernten oder dem Platzen von Spekulationsblasen. William Stanley Jevons machte Sonnenflecken für Konjunkturschwankungen verantwortlich. Dadurch seien die Ernten beeinflusst.
  • Dass exogene Schocks Auslöser von Konjunkturen sein können, wird in neuerer Zeit von der Real-Business-Cycle-Theorie vertreten.
  • Die monetäre Überinvestitionstheorie der Österreichischen Schule (Mises, Hayek).
  • Der Keynesianismus versteht hingegen Konjunkturen als Ausdruck temporärer Ungleichgewichte auf den Güter- und Faktormärkten, die ihren Ausdruck etwa in Unterkonsumtion oder in Überinvestitionen fänden. Ein Beispiel für eine solche Überinvestition (der Begriff Fehlinvestition wäre angebrachter, da nur ein Teil der Wirtschaft betroffen war) findet man in den USA in den Jahren 1999/2000, als im Vertrauen auf die New Economy erhebliche Investitionen in IT-Ausrüstungen und -Unternehmen getätigt wurden, die sich bald als zu optimistisch herausstellten, was eine der Ursachen für die Rezession 2001 war. Da Keynesianer Marktungleichgewichte und Strukturkrisen als Auslöser derartiger Rezessionen ansehen, sehen sie die Möglichkeit, dass die Wirtschaftspolitik die Wirkungen konjunktureller Schwankungen abmildern kann, indem sie zum Beispiel in der Rezession die fehlende private durch staatliche Nachfrage ersetzt (antizyklische Wirtschaftspolitik). Der Ansatzpunkt des Keynesianismus um der Gleichgewichtsstörung entgegenzuwirken ist, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage durch Konsumsteigerung (nachfrageorientiert) oder Investitionen in die Infrastruktur bzw. Wirtschaft (angebotsorientiert) gestärkt werden müsse.
  • Der Monetarismus schließlich fasst hingegen Konjunkturen als die Folge von staatlichen Eingriffen in den Wirtschaftskreislauf auf. Insofern empfehlen sie der Finanz- wie der Geldpolitik konjunkturpolitische Abstinenz. Stattdessen soll die Politik festen Regeln folgen, Eingriffe in den Markt möglichst vermeiden und das langfristige Wachstum fördern. Der Ansatzpunkt des Monetarismus um der Gleichgewichtsstörung entgegenzuwirken ist, dass das gesamtwirtschaftliche Angebot durch Verbesserung der Produktions- und Leistungsbedingungen gestärkt wird.
  • Die Neue Politische Ökonomie verweist auf die Möglichkeit politisch induzierter Konjunkturschwankungen (Politischer Konjunkturzyklus).

Diese unterschiedlichen Auffassungen spiegeln sich in den konjunkturpolitischen Empfehlungen wider.

Die konjunkturelle Situation ist auch im Bereich der Fundamentalanalyse von Aktien relevant. Je nach Konjunkturphase ist eine Anlage in Aktien aus zyklischen Branchen mehr oder weniger sinnvoll.

Konjunkturforschung und -prognose

Allgemein

Mittels methodisch kontrollierter empirischer Verfahren sucht man die konjunkturelle Entwicklung einer konkreten Wirtschaft zu diagnostizieren und vorauszusagen. Diese Art von Konjunkturforschung lässt sich somit von der theoretischen Analyse der Konjunktur unterscheiden.

Forschungseinrichtungen

In den USA wurde die Konjunkturforschung von Arthur F. Burns und Wesley Clair Mitchell begründet. Der von ihnen in den 1920er Jahren entwickelte Harvard-Indikator geriet in Misskredit, als er die Weltwirtschaftskrise 1929 nicht anzeigte. Die Konjunkturforschung lebte danach erst wieder in den 1930er Jahren wieder auf.

In Deutschland waren hier unter anderem Arthur Spiethoff und Ernst Wagemann die Vorreiter. In eigentlichem Sinne begann die Konjunkturforschung mit Gründung des Instituts für Konjunkturforschung in Berlin (heute: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW). Daneben etablierten sich in Deutschland fünf unabhängige Wirtschaftsforschungsinstitute, die regelmäßig Konjunkturprognosen veröffentlichen:

Diese erstellen seit 1950 zweimal im Jahr eine Gemeinschaftsdiagnose im Auftrag der Bundesregierung. Nach der Wiedervereinigung kam mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in Halle an der Saale ein sechstes Forschungsinstitut hinzu.

Außerdem zu nennen ist hier das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit.

Daneben befassen sich die Forschungsinstitute der Arbeitgeber (Institut der Deutschen Wirtschaft) und der Gewerkschaften (seit 2005 das neu gegründete Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung) mit Konjunkturanalysen.

Der 1963 gegründete Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstellt ebenfalls einmal pro Jahr eine Konjunkturprognose, die im November veröffentlicht wird.

Weitere regelmäßige Prognosen veröffentlichen internationalen Organisationen wie OECD, EU und IWF.

Methoden der Konjunkturprognose

Konjunkturprognosen werden ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit über den Ablauf früherer Konjunkturzyklen, empirisch festgestellten wirtschaftlichen Zusammenhängen (zum Beispiel die Wirkung von Zinsen auf Investitionen oder von Steuern auf die Konsumnachfrage) und schließlich Konjunkturindikatoren abgeleitet.

Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung liefert den definitorischen Rahmen, um die Konsistenz der Prognosen herzustellen. Dabei bedient man sich zum Teil intuitiver Verfahren, zum Teil ökonometrischer Methoden. Ökonometrische Konjunkturmodelle stützen sich auf mathematisch-statistische Verfahren; es können aber zusätzliche Informationen in die Modelle einfließen, die sogenannten Adds (konstante additive), oder aber auch multiplikative Veränderungen der endogenen Variablen. Zum Beispiel müssen neue politische Maßnahmen „per Hand“ in die Modellstruktur aufgenommen werden, die Wirkungen kann das Modell sodann allein ausrechnen.

Konjunkturbarometer

Jeden Monat bringt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) das DIW-Konjunkturbarometer heraus. Es schätzt ein, wie das reale Bruttoinlandsprodukt des jeweils abgelaufenen Quartals aussehen könnte; denn zu diesem Zeitpunkt liegen noch keine Daten des Statistischen Bundesamtes vor. Dabei stützt es sich auf solche Indikatoren wie Produktion und Umsatz in wichtigen Wirtschaftszweigen; darunter der Großhandelsumsatz und die Auftragseingänge, die Einnahmen aus der Umsatzsteuer und auch die Kfz-Zulassungen.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) befragt für sein Konjunktur-Barometer 350 ausgesuchte Börsenexperten, was sie erwarten. Der ZEW-Index soll einen Monat weiter in die Zukunft blicken können. Aber erst wenn ein Stimmungsmesser dreimal hintereinander in die gleiche Richtung tendiert, liege tatsächlich eine Wende vor.

Einmal im Monat stellt das ifo-Institut diese Frage: "Wird das Geschäft im nächsten halben Jahr besser, schlechter oder laufen die Geschäfte gleich gut?" Aus den 7000 Antworten darauf wird ein Indikator für die Entwicklung der Wirtschaft berechnet.

Konjunkturdiagnose

Der konjunkturelle Ist-Zustand einer Wirtschaft wird durch verschiedene Methoden bestimmt. Zum einen kann eine Zeitreihenanalyse durchgeführt werden wobei bestimmte makroökonomische Größen wie das Bruttoinlandsprodukt, Volkseinkommen, Konsum und Investitionen herangezogen werden. Sollte eine differenzierte Konjunkturdiagnose stattfinden werden eine Vielzahl von weiteren Zeitreihen verwendet. Durch die Zeitreihenanalyse können verschiedene Konjunkturindikatoren konstruiert werden. Weiterhin kann eine Befragung von zahlreichen Unternehmen über den gegenwärtigem Konjunkturzustand stattfinden. In der Bundesrepublik Deutschland werden solche Befragungen vom ifo-Institut für Wirtschaftsforschung durchgeführt zum einen durch den Konjunkturtest und durch eine Tendenzbefragung. Außerdem kann ein Vergleich von Produktionspotenzial und tatsächlicher Produktion stattfinden. Durch diesen Vergleich wird der konjunkturelle Zustand einer Wirtschaft durch den Auslastungsgrad abgeleitet.

Konjunkturdienst

Es handelt sich hierbei um eine periodische wirtschaftliche Berichterstattung mit dem Ziel Ergebnisse und Daten der Konjunkturforschung für die Einzelwirtschaft auszuwerten und nutzbar zumachen. Der Konjunkturdienst in der BRD dient z.B. folgenden Publikationen: dem ifo-Schnelldienst des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung in München; weiterhin des iwd des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln sowie die Publikationen anderer Wirtschaftsforschungsinstitute.

Konjunkturzyklen in Deutschland

Im Gegensatz zu den USA, wo es eine „offizielle“ Datierung der Konjunkturzyklen gibt, liegt eine offizielle Klassifikation der Zyklen für Deutschland nicht vor. Betrachtet man nur Konjunkturen im engeren Sinne, die durch absolute Rückgänge in der Wirtschaftsleistung begrenzt werden, so lassen sich seit 1945 fünf volle Zyklen erkennen, die zumeist mit Abschwächungen der Weltwirtschaft zusammenfielen.

Der erste Nachkriegsaufschwung endete 1966, als das Bruttoinlandsprodukt erstmals seit 1949 sank. Der zweite Zyklus endete mit der Rezession 1974, als es wegen der ersten Ölkrise zu einem Nachfrageentzug kam. Ein dritter Zyklus endete 1981/82, im Gefolge der zweiten Ölkrise. Das Ende des vierten Zyklus markiert die Rezession 1993, der bisher einzigen Rezession in der Bundesrepublik, die binnenwirtschaftlich ausgelöst wurde, wegen der im vorhergehenden Wiedervereinigungsboom aufgetretenen Übersteigerungen und der daraufhin restriktiven Geldpolitik, die wegen der zuvor hohen Inflation auf Bremskurs gegangen war.

Ein fünfter Zyklus endete nach dieser Zählung 2001, ausgelöst unter anderem durch das Ende des Booms in der IT- und Kommunikationsbranche. Die Schwächephase zog sich lange hin (2002 - 2004). Erst das relativ starke Wirtschaftswachstum seit 2005 läutete den Beginn des sechsten Zyklus in Deutschland ein.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für 2009 die erste weltweite Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg; in Deutschland soll die Wirtschaftsleistung deutlich zurückgehen.

Siehe auch

Quellen

Literatur

Das Phänomen der Konjunktur wird in allen gängigen makroökonomischen Lehrbüchern erörtert, zum Beispiel:

  • Lutz Arnold: Makroökonomik. Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 3-16-148075-9.
  • Olivier Blanchard und Gerhard Illing: Makroökonomie. 4., aktualisierte Auflage. Pearson Studium, 2006, ISBN 978-3-8273-7209-3.
  • Michael C. Burda und Charles Wyplosz: Makroökonomik. Eine europäische Perspektive. 2. Auflage. Vahlen, 2003, ISBN 978-3800628568.
  • N. Gregory Mankiw: Makroökonomik, 5. Auflage. Schäffer-Poeschel, 2003, ISBN 978-3791020266.

Folgende Lehrbücher beschäftigen sich speziell mit der Konjunktur:

  • Lutz G. Arnold: Business cycle theory. Oxford University Press, Oxford 2002, ISBN 0-19-925682-9.
  • Alfred Maußner: Konjunkturtheorie. Springer, Berlin 1994, ISBN 3-540-57790-4.
  • Gunther Tichy: Konjunktur. Stilisierte Fakten, Theorie, Prognose. 2. Auflage. Springer, Berlin 2007, ISBN 978-3540574378.

Sonstige Literatur:

  • Allen, R.G.D.: Macro-Economic Theory: A Mathematical Treatment. - London, Melbourne, Toronto : Macmillan, 1968.
  • Gudehus, T.: Dynamische Märkte, Praxis, Strategien und Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft, Abschn. 4.12 Konjunkturzyklen u.a., Springer, Berlin-Heidelberg-New York, 2007, ISBN 978-3-540-72597-8
  • Mandel, Ernest: Marxistische Wirtschaftstheorie. Suhrkamp, Frankfurt 1968
  • Jörn Altmann: Wirtschaftspolitik. Lucius & Lucius, Stuttgart 7. Auflage 2000. 5.50- 54

Weblinks

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