Benutzer:Selina Hirschfeld

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Meine Artikel:

Handelsbilanzüberschuss
Wirtschaftslage Belgiens 2008


Aufgabe 3: Disinflations-Opfer

Inflationsrate und Arbeitslosenquote Belgiens

Von Disinflation kann gesprochen werden, wenn die Inflationsrate kontinuierlich reduziert wird. Eine Reduzierung der Inflationsrate geht meist zu Lasten von Produktionswachstum und Arbeitslosenquote. Dies soll nun genauer betrachtet werden.
Aus der Grafik zur Inflationsrate wird deutlich, dass in den Jahren 1982 bis 1988 die Inflationsrate um die meisten Prozentpunkte reduziert wurde. Sie fiel insgesamt um 7,5% von 8,7% auf 1,2%.

Berechnung des Opferverhältnisses für die Jahre 1982 - 1988
% 1982 1983 1984 1985 1986 1987 1988
Wachstum des BIP 0,6 0,3 2,5 1,7 1,8 2,3 4,7
Arbeitslosenquote 11,0 10,7 10,8 10,1 10,0 9,8 8,8
normale Arbeitslosenquote 9,4 9,6 9,8 9,6 9,4 9,1 8,7
Inflationsrate 8,7 7,7 6,3 4,9 1,3 1,6 1,2
kumulierte Arbeitslosigkeit(*) 2,7 3,7 4,2 4,8 5,5 5,6
kumulierte Disinflation(**) 1,0 2,4 3,8 7,4 7,1 7,5
Opferverhältnis 2,7 1,5 1,1 0,6 0,8 0,7
(*) Die kumulierte Arbeitslosigkeit berechnet sich aus der Summe der Jahresprozentpunkte an Überschussarbeitslosigkeit seit 1982.

(**) Die kumulierte Disinflation errechnet sich aus der Differenz zwischen der Inflationsrate des jeweiligen Jahres und der Rate von 1982.

Quelle: Berechnungen Selina Hirschfeld (Quelle der Daten: OECD[1] für BIP und Inflationsrate und AMECO[2] für Arbeitslosenquote und normale Arbeitslosenquote)

Der Zusammenhang zwischen Arbeitslosenquote und Inflationsrate kann anhand der erweiterten Phillips-Kurve erklärt werden, welche aussagt, dass solange die Arbeitslosigkeit über ihrem natürlichen Niveau liegt, die Inflation zurück geht. Dies war in der betrachteten Periode geschehen, da sich die Arbeitslosenquote immer etwas über ihrem natürlichen Niveau befand, ging die Inflation zurück.
Das Opferverhältnis gibt an, wie viele Prozente der Arbeitslosenquote "geopfert" werden müssen, um die Inflation um 1% zu reduzieren. Der Wert sank im betrachteten Zeitraum kontinuierlich von 2,7 (1983) auf 0,7 (1988). Von 1983 bis 1985 war das Opferverhältnis noch über eins. Von 1986 bis 1988 fiel der Wert sogar unter eins. Das Opferverhältnis ist somit geringer, wenn eine schnelle und radikale Reduzierung der Inflationsrate erfolgt.

Dass es nicht zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit kam, kann mit Hilfe der Lucas-Kritik erklärt werden, welche besagt, dass die Prognose der wirtschaftlichen Folgen einer Politikmaßnahme – z.B. einer restriktiven Geldpolitik zur Reduktion der Inflationsrate – nicht auf Basis von Zusammenhängen durchgeführt werden dürfe, die in der Vergangenheit beobachtet worden sind. Er war der Meinung, wenn alle daran glauben, dass die Zentralbank ihr Ziel erreicht, die Inflation zu senken, dann wären die Inflationserwartungen niedriger.[3]
Gründe für die hohen Arbeitslosenquoten und Inflationsraten waren vermutlich negative Angebotsschocks (z.B. Ölpreisschocks), welche im Laufe der 70er Jahre Europa trafen. Diese führten zur Stagflation. Anfang der 80er Jahre entschloss sich die Belgische Nationalbank aufgrund der hohen Inflationsraten zu einer kontraktiven Geldpolitik, indem sie das Geldangebot verringerte. Es kam dann vermutlich zu einer niedrigeren Inflationserwartung der Lohnsetzer und folglich zu keinem bzw. nur leichtem Anstieg der Nominallöhne und somit auch zu weniger Entlassungen. Dies führte dann zu Disinflation ohne Anstieg der Arbeitslosenquote. Die Lucas-Kritik besitzt in diesem Fall eine gute Aussagekraft.
Der Grund für die anfangs langsame und in den Folgejahren schnellere Reduzierung der Inflationsrate kann anhand des Taylor-Modells erklärt werden. Taylor zeigte, dass bei zeitlicher Staffelung von Lohnkontrakten eine Disinflationspolitik allmählich durchgeführt werden muss, um ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Demzufolge müsste die Zentralbank die Inflationsrate anfänglich relativ langsam absenken. Wenn dann alle zeitlich gestaffelten Lohnverträge an die neuen Inflationserwartungen angepasst sind, kann die Disinflation schneller durchgeführt werden. Dies war in der betrachteten Periode geschehen. Auch das Taylor-Modell besitzt hier eine gute Aussagekraft.

Lucas argumentierte, bei rationalen Erwartungen könnte eine glaubwürdige Politik die Inflation abbauen, ohne dass es zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen müsse.
Glaubwürdigkeit bedeutet, dass die an der Lohnsetzung beteiligten Parteien ihre Erwartungen auf der Überzeugung basieren, die Geldpolitik sei fest dazu entschlossen, die Inflationsrate zu reduzieren.[3] Das Opferverhältnis pendelte sich um einen Wert von eins ein. Die Belgische Nationalbank konnte die Inflationsrate im betrachteten Zeitraum durch ihre kontraktive Geldpolitik erfolgreich senken, ohne dass die Arbeitslosenquote stark anstieg. Dies ist ein Zeichen für hohe Glaubwürdigkeit.
Ein weiterer Grund für eine hohe Glaubwürdigkeit könnte an der Teilnahme Belgiens am Europäischen Währungssystem liegen, welches 1979 eingeführt wurde. Durch die Anbindung ihrer Währungen an die DM, importierten die EWS-Länder quasi die Glaubwürdigkeit der Deutschen Bundesbank als Hüterin der Geldwertstabilität und wirkten damit der Entstehung eines Inflationsauftriebs im eigenen Land entgegen.[4] Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die Inflationsbekämpfung in Belgien erfolgreich war und die Geldpolitik über Glaubwürdigkeit verfügt.

Einzelnachweise

  1. Quelle der Daten:OECD Datenbank der OECD (Abgerufen: 18. April 2008, 18:00 MEZ)
  2. Quelle der Daten: AMECO, Makroökonomische Datenbank der Europäischen Kommission (2007) (Abgerufen: 18. April 2008, 18:05 MEZ)
  3. 3,0 3,1 Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard (2006), Makroökonomie, 4. Auflage, München: Pearson Studium, S. 279 f.
  4. Krugmann/Obstfeld: Internationale Wirtschaft, 7. Auflage, München, 2006, S. 710

Literatur

  • Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard (2006): Makroökonomie, 4. Auflage, München, Pearson Studium
  • Krugman, Paul R.; Obstfeld, Maurice (2006): Internationale Wirtschaft – Theorie und Politik der Außenwirtschaft, 7. Auflage, München, Pearson Studium