Zahlungsbilanz

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Die Zahlungsbilanz ist ein System, in welchem alle wirtschaftlichen Transaktionen zwischen Inländern (alle Wirtschaftseinheiten eines Landes) und Ausländern (dem Rest der Welt) in einer Wirtschaftperiode systematisch erfasst und dargestellt werden. Dieses System besteht aus verschiedenen Teilbilanzen in denen die Handels- und Finanzströme in ein Kontensystem eingeordnet werden.[1][2]


Definition

In der Zahlungsbilanz werden die Zahlungsein- und Zahlungsausgänge zwischen dem In- und Ausland aufgezeichnet. Als Inland (Inländer) sind die Einwohner, Unternehmen, Regierung und andere Institutionen mit einem Geschäftssitz im Inland zu verstehen. Als Ausland (Ausländer) ist der Rest der Welt gemeint bzw. das oder die anderen Länder, mit denen Transaktionen vom Inland aus durchgeführt werden.[1][3]


  • Transaktionen sind:
Güteraustausch (Waren, Dienstleistungen und Rechte)
Erwerbs- und Vermögenseinkommen
Laufende Übertragungen
Vermögensübertragungen
Forderungen und Verbindlichkeiten

[2]

Auf der einen Seite ist jede Transaktion, die mit einer Zahlung an das Ausland verbunden ist, ein Debet, welches mit einem negativen Vorzeichen (-) in die Zahlungsbilanz eingeht. Auf der anderen Seite ist jede Transaktion, in welcher das Ausland eine Zahlung leistet ein Credit, welcher mit positiven Vorzeichen (+) verbucht wird.[3]


Begriffliche Einordnung

Die Struktur der Zahlungsbilanz gliedert sich in folgende Bestandteile auf:

Bilanzen Teilbilanzen Zahlungseingang Zahlungsausgang
* Leistungsbilanz Handelsbilanz
Dienstleistungsbilanz
Bilanz der Erwerbs- u. Vermögenseinkommen
Übertragungsbilanz
Waren-,
Dienstleistungs- u.
Faktorleistungsexporte
Empfangene laufende Übertragungen
Waren-,
Dienstleistungs- u.
Faktorleistungsimporte
Gleistete laufende Übertragungen
* Kapitalbilanz Direktinvestitionen
Finanzderivate
Übriger Kapitalverkehr
Wertpapieranlagen
Kapitalimporte Kapitalexporte
* Devisenbilanz Veränderung der nationalen Währungsreserven
* Bilanz der Vermögensübertragungen Empfangene Vermögensübertragungen Geleistete Vermögensübertragungen
* Ausgleichs- u. Restposten Wertberichtigung und statistische Unterschiede Wertberichtigung und statistische Unterschiede

[4]


Die Leistungsbilanz

Die Leistungsbilanz setzt sich aus vier Unterbilanzen zusammen, der Handelsbilanz, der Dienstleistungsbilanz, der Bilanz der Erwerbs- und Vermögensleistungen. Sie stellt eine wichtige ökonomische Größe dar.

Schlussfolgerungen aus der Leistungsbilanz:

  • Aus der Summe der Salden der Handels- und Dienstleistungsbilanz ergibt sich der Außenbeitrag zum Bruttoinlandsprodukt (BIP).
  • Kommt dazu der Saldo der Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen erhält man das Bruttonationaleinkommen (veraltet. Bruttosozialeinkommen BSP).
  • Sie stellt unter Berücksichtigung anderen Faktoren, wie zum Beispiel:
der Kapitalbilanz
dem Verhältnis von Ersparnis und Investitionen
dem realen Wechselkurs
der binnenwirtschaftlichen Entwicklung in Bezug auf Wachstum und Schaffung neuer Arbeitsplätze

einen qualitativ wichtigen Indikator der außenwirtschaftlichen Position (Wert des Standortes) dar.[2]


Die Handelsbilanz

Die Handelsbilanz ist eine systematische Gegenüberstellung des Warenaustausches (Import, Export) zwischen dem Inland (betrachtetes Land) und Ausland (Rest der Welt), der in einer bestimmten Periode stattfindet. Liegt ein positiver Saldo aus ihr vor, spricht man von einem Handelsbilanzüberschuss. Ist der Saldo negativ, liegt ein Handelsbilanzdefizit vor. Ein Handelsbilanzausgleich entsteht dann, wenn die Exporte und die Importe gleich sind.[2]


Die Dienstleistungsbilanz

Die Dienstleistungsbilanz stellt den Dienstleistungsverkehr zwischen In- und Ausland in einer Wirtschaftsperiode dar. Die Salden verhalten sich analog wie in der Handelsbilanz (positiv = Überschuss/negative = Defizit). Die Dienstleistungsbilanz ist ein wichtiger Indikator für die technische Position eines Landes.[2]


Größen der Bilanz:

  • Reiseverkehr
  • Transportleistungen, Transithandel
  • Dienstleistungen wie, Finanzdienstleistungen, kaufm. Dienstleistungen, Kommunikationsdienstleistungen, Versicherungen, EDV-Leistungen, Bauleistungen, sonstige Dienstleistungen
  • Forschung und Entwicklung, Patente und Lizenzen,
  • Werbe und Messekosten, Regiekosten, Filmgeschäft,
  • Regierungsleistungen,
  • sonstige selbstständige Tätigkeiten.[2][5]


Die Bilanz der Erwerbs- und Vermögensleistungen

In der Bilanz der Erwerbs- und Vermögensleistungen werden die Faktorzahlungen für Arbeit bzw. Kapital zwischen In- und Ausland in einer Wirtschaftsperiode dargestellt.[2]


Größen der Bilanz:

  • Es werden zum großen Teil Kapitalerträge (Zinszahlungen) ausgewiesen
  • Einkommen aus Direktinvestitionen, Wertpapieren (Beteiligungen, Investmentzertifikate, festverzinsliche Wertpapiere)[2][5]


Die Übertragungsbilanz

In der Übertragungsbilanzwerden die laufenden monetären Übertragungen zwischen In- und Ausland in einer Wirtschaftsperiode aufgelistet.[2]


Größen der Bilanz:

  • Übertragungen der öffentlichen Hand, z.B. Transfers von Deutschland an die EU, andere internationale Organisationen, Entwicklungsländer oder umgekehrt
  • Private Übertragungen in Form von Renten, Pensionen oder Unterstützungen, die ein Gastarbeiter in sein Heimatland überweist[2][5]


Die Kapitalbilanz

Die Kapitalbilanz (auch Kapitalverkehrbilanz) stellt den Kapitalverkehr zwischen In- und Ausland innerhalb einer Wirtschaftperiode dar.


Die Kapitalbilanz teilt sich in vier Unterbilanzen:


  • Direktinvestitionen, zeigen beispielsweise in welchem Umfang sich Inländer an ausländischen Unternehmen beteiligt haben und umgekehrt.
Beteiligungen
langfristige Darlehn
kurzfristige Finanzbeziehungen verbundener Unternehmen
grenzüberschreitende Immobilienengagements
  • Wertpapieranlagen, zeigen die Käufe und Verkäufe von Aktien usw. durch Inländer im Ausland und Ausländer im Inland.
Anteile an Geldmarktfonds
Geldmarktpapiere
Finanzderivate
  • Kreditwährung
  • sonstigen Kapitalverkehr[2][5]


Die Bilanz der Vermögensübertragungen

Die Bilanz der Vermögensübertragungen ist eine Darstellung der einmaligen monetären Übertragungen zwischen In- und Ausland in einer Wirtschaftperiode. Erkennbar dadurch, dass das Vermögen auf Dauer übertragen wird.[2]


Größen der Bilanz:

  • Es werden Käufe oder Verkäufe von immateriellen nichtproduzierbaren Vermögensgütern ausgewiesen, wie Erbschaften, Schenkungen, Schuldenerlasse[5]


Die Devisenbilanz

Die Devisenbilanz listet die Nettoauslandspositionen der Zentralbank auf. Es werden alle Transaktionen aufgelistet bei denen die Zentralbank finanziell beteiligt war. Dadurch kann man nachvollziehen in welchem Ausmaß die Zentralbank in die Kursbildung am Devisenmarkt eingegriffen hat. [2][5]


Größen der Bilanz:

  • die Auslandsverbindlichkeiten
  • die Währungsreserven
Bestand der ausländischen Devisen
Sonderziehungsrechte beim internationalen Währungsfond
die Goldbestände
  • und die sonstigen Auslandsforderungen


Auch die Devisenbilanz kann Überschüsse oder Defizite aufweisen.

Überschuss = Zahlungseingänge > Zahlungsausgänge

Defizit = Zahlungseingänge < Zahlungsausgänge[1]


Die Ausgleichs- und Restposten

Die Ausgleichs- und Restposten sind als Hilfsmittel gedacht um die einzelnen Teilbilanzen und somit auch die Zahlungsbilanz auszugleichen. Auf dieses Unterkonto werden Ausgleichsbuchungen vorgenommen, wenn Unterschiede (Diskrepanzen) aufgetreten sind.


Zur Veranschaulichung: Wie kann das passieren?

  • Eigentlich müsste die Zahlungsbilanz ausgeglichen sein, da nach den Grundsätzen der doppelten Buchführung für jede Buchung auch eine Gegenbuchung in gleicher Höhe vorgenommen wird.


Der Grund dafür liegt in den Informationen selbst, mit denen diese Bilanzen aufgestellt werden.
Die Informationen über die Transaktionen für beide Buchungen stammen häufig aus verschiedenen Quellen.
z.B. Eine Importmeldung über ein Radio aus China (Debetbuchung, negativ) wird von einem deutschen
    Zollbeamten übermittelt. Die dazu gehörige zweite Buchung über die Zahlung per Scheck (Credit,
    positiv) von der deutschen Bank.

Die sich daraus ergebenden Problem können einerseits in der Vollständigkeit, Genauigkeit und andererseits in der Pünktlichkeit der Information liegen. Der Urspruch der Diskrepanzen, wo genau die Informationen Fehler haben bzw. ungenau sind lassen sich kaum ermitteln (Leistungs-, Übertragungs- oder Kapitalbilanz).


  • Verfolgungsproblem in Kapitalbilanz durch die komplexen finanziellen Transaktionen zwischen Bürgern verschiedener Staaten
  • In der Leistungsbilanz vor allem durch unzuverlässige Angaben über den Außenhandel mit Dienstleistungen.
Finanzberatung, Unterstützung bei Computer - IT oder aber eine genaue Erfassung von Zins- und Dividendenzahlungen[3]


Die doppelte Buchführung

Die doppelte Buchführung findet auch in der Zahlungsbilanz ihre Anwendung. Um das Prinzip vereinfacht darzustellen heißt das:

  • Jede internationale Transaktion führt zu zwei Buchungen in der Zahlungsbilanz, einmal als Debet und zum anderen als Credit.
  • Jede Transaktion hat zwei Seiten, einmal wenn man etwas von einem Ausländer kauft, muss man ihn bezahlen und zum anderen der Ausländer muss die Zahlung dann entweder ausgeben oder verwahren.[3]


Beispiele

Die folgenden Beispiele sollen das Prinzip der doppelten Buchführung näher verdeutlichen.


Beispiel 1) Kauf eines Faxgerätes

  • Sie kaufen ein Faxgerät von einem italienischen Unternehmen für 1000 Euro per Scheck. Der Verkäufer in Deutschland nimmt den Scheck und zahlt seinen Betrag auf das deutsche Unternehmenskonto bei der Citibank in Frankfurt ein.
Folge: Die Zahlung für den Erwerb des Faxgerätes von einem ausländischen Bürger geht mit einem
       negativen Vorzeichen (- 1000 Euro/Debet) in die Leistungsbilanz Deutschlands ein.
Gegenbuchung: Es wurde ein deutscher Vermögenswert (Bankeinlage) vom Verkäufer gekauft und von
              der Citibank verkauft. Die Transaktion schlägt sich als Credit (+ 1000 Euro/Credit) in
              der Kapitalbilanz in Deutschland nieder.
US-Zahlungsbilanz Beispielfall 1 - Faxgerät Credit Debet
Kauf eines Faxgerätes = Leistungsbilanz, Güterimport Deutschland - 1000 Euro
Verkauf einer Bankeinlage durch die Bank = Kapitalbilanz, Vermögensexport Deutschland + 1000 Euro

[3]


Beispiel 2) Bezahlen eines Essens in Japan

  • Sie bezahlen ein Essen in Japan mit ihrer Visa - Karte in Höhe von 200 Euro.


Folge: Ihre Zahlung wird als Dienstleistungsimport Deutschlands und daraus folgend als                                          
       Leistungsbilanzsoll (- 200 Euro/Debet) verbucht. 
Gegenbuchung: Ihre Unterschrift berechtigt den Gastronomen, den Gegenwert von 200 Euro in der                             
              Landeswährung von der Bank einzuziehen (+ 200 Euro/Credit).
Beispielfall 2 - Essen Credit

Debet

Kauf eines Essens - 200 Euro
Verkauf der Forderung an das Geldinstitut = Kapitalbilanz, Vermögensexport Deutschland + 200 Euro

[3]


Beispiel 3) Kauf von Aktien

  • Sie kaufen Aktien des britischen Ölkonzerns BP über ihren Makler. Sie zahlen per Scheck über 9500 Euro, den sie auf ihr Geldmarktkonto bei ihren Makler ausstellen.
Folge: Durch ihren Aktienkauf (Vermögenswerterwerb von einem Ausländer)entsteht ein Debet (- 9500
       Euro) in der Kapitalbilanz Deutschlands.
Gegenbuchung: BP lässt den Scheckbetrag auf seinem eigenen Unternehmenskonto in Frankfurt gutschreiben, dadurch erhöht der Konzern seine Vermögenswerte in Deutschland (+ 9500 Euro/Credit).
Beispielfall 3 - Aktien Credit Debet
Kauf von Aktien = Kapitalbilanz, Vermögensimport Deutschland - 9500 Euro
Einreichen des Schecks bei der Bank = Kapitalbilanz, Vermögensexport Deutschland + 9500 Euro

[3]


Beispiel 4) Schuldenerlass deutscher Banken

  • Deutsche Banken erlassen dem Kongo Verbindlichkeiten in Höhe von 50000 Euro.
Folge: Deutland nimmt in diesen Fall einen Kapitaltransfer an den Kongo vor, dieser wird in der 
       Vermögensübertragungsbilanz in Deutschland als Debet (- 50000 Euro/Debet) verbucht.
Gegenbuchung: Durch den Erlass der Verbindlichkeiten vermindern sich in der Kapitalbilanz die
              dt. - Anlagen im Ausland (dies gilt als "Export" von Vermögen, was zu einen Credit (+
              50000 Euro) führt.
Beispielfall 4 - Schuldenerlass Credit Debet
Schuldenerlass der deutschen Banken = Vermögensübertragungsbilanz, Transfer Deutschlands - 50000 Euro
Reduzierung der Ansprüche der Bank von Kongo = Kapitalbilanz, Export von dt. - Anlagen + 50000 Euro

[3]

Saldo der Vermögensübertragung

erfasst diejenigen Veränderungen der Vermögensposition eines Landes, die nicht auf Markttransaktionen zurück gehen, wie z.B. Schuldenerlasse, Investitionszuschüsse, Erbschaften sowie Vermögensmitnahmen von Menschen, die aus- oder einwandern.

Fundamentalität der Zahlungsbilanz

besagt, dass Leistungsbilanz, Kapitalbilanz einschließlich Devisenbilanz und der Saldo der Vermögensübertragungen in der Summe null ergeben müssen. Andernfalls existiert eine statistische Diskrepanz.

Statistische Diskrepanz

Statistische Diskrepanz ergibt sich in der Zahlungsbilanz dadurch, dass die mit einer Transaktion verbundenen Daten sich sehr stark unterscheiden können hinsichtlich ihrer Vollständigkeit, Genauigkeit und dem Zeitpunkt ihrer Abwicklung.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Vgl. Blanchard, Oliver / Illing, Gerhard „Makroökonomie“, Pearson Studium, 4., aktualisierte Auflage, München 2007, Seite 526 ff.
  2. 2,00 2,01 2,02 2,03 2,04 2,05 2,06 2,07 2,08 2,09 2,10 2,11 2,12 Vgl. Blum, Ulrich „Volkswirtschaftslehre: Studienhandbuch“, R. Oldenbourg Verlag, 4., überarbeitete Auflage, München 2004, Seite 394 ff.
  3. 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 3,7 Vgl. Krugman, R. Paul / Ostfeld, Maurice „Internationale Wirtschaft: Theorie und Politik der Außenwirtschaft“, Pearson Studium, 7., Auflage, München 2006, Seite 381 ff.
  4. "Vgl. Rainer Klump: „Wirtschaftspolitik: Instrumente, Ziele und Institutionen“, Pearson Studium, München 2006, Seite 163,264 ff.
  5. 5,0 5,1 5,2 5,3 5,4 5,5 Vgl. Bofinger, Peter „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre: Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten“, Pearson Studium, München 2003, Seite 271 ff.


Literatur

  • Paul R. Krugman/Maurice Ostfeld: Internationale Wirtschaft. Theorie und Politik der Außenwirtschaft. Pearson Studium, München 2006, 7 Aufl., ISBN 3-8273-7199-6.
  • Oliver Blanchard/Gerhard Jilling: Makroökonomie. Pearson Studium, München 2006, 4 Aufl., ISBN 3-8273-7209-7.
  • Rainer Klump: Wirtschaftspolitik. Instrumente, Ziele und Institutionen. Pearson Studium, München 2006, ISBN 3-8273-7238-0.
  • Peter Bofinger: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten. Pearson Studium, München 2003, ISBN 3-8273-7076-0
  • Ulrich Blum: Volkswirtschaftslehre. Studienhandbuch. R. Oldenbourg Verlag, München 2004, 4 Aufl., ISBN 3-486-27367-1.


Weblinks