Importsubstitution

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Die importsubstituierende Industrialisierung (ISI) ist eine Strategie von Entwicklungsländern zur Beschleunigung der industriellen Entwicklung. Die Importsubstitution ist neben der Exportdiversifizierung eine der Entwicklungsstrategien, in der der Importanteil durch die im Inland hergestellten Güter ersetzt wird.

Arten

Bei der relativen Importsubstitution wird der Importanteil nur teilweise durch die inländische Produktion ersetzt. Die Rate des Imports sollte jedoch niedriger sein als der Anteil im Inland hergestellten Güter.

Bei der absoluten Importsubstitution werden bestimmte Importgüter vollständig durch die heimischen Produktion ersetzt, damit das Volumen der importierten Güter absolut sinkt.[1]

Einerseits ist es die Folge des entwicklungsbedingten Strukturwandels, die durch internationale Verschiebungen der Angebots- und Nachfragebedingungen induziert wird. Diese wird als natürliche Importsubstitution genannt. Andererseits ist es die wirtschaftlichen Maßnahmen, die Importsubstitution verursacht.

Politische Maßnahmen

Abbildung 1

Der Staat sichert die Einfuhrrestriktion wie Zölle, um den Importanteil zu vermindern und die internen Wirtschaftszweige, die nachhaltige Entwicklungseffekt oder positive Effekte enthalten, zu fördern. Betrachten wir ein einfaches Zahlenbeispiel. Angenommen, der Preis eines importierten Pkws in einem Entwicklungsland beträgt 10000€, davon ist die Vorleistung 6000€. Es besteht keine Handelsschranken, so beträgt der Inlandpreis bei einem Wechselkurs von 10Cr = 1€ Cr 100000. Die Vorprodukte belaufen sich auf Cr 60000. Die Wertschöpfung wird als die Differenz zwischen Importpreis und Vorleistung, also Cr 40000, berechnet. Jetzt erhebt das Land beim Import des Pkws einen Zoll von 100%, so wird sich der Inlandpreis auf Cr 200000 erhöhen. Gleichzeitig wird der Import von Vorprodukt mit einem Zoll von 50% verlangt, so steigt die Kosten der Vorleistung auf Cr 90000. Die neue Wertschöpfung beträgt Cr 110000. Somit ist die Produktion mit Zoll Cr 70000 mehr als im Freihandelszustand. Die Protektion, die die inländische Automobilindustrie genießt, erhöht sich von 100% auf effektiv 175%. Die Protektionsrate wäre 250%, wenn das Land keinen Zoll auf die Vorprodukte verlangen würde.[2]


Der positive Produktionseffekt von Zöllen wird die inländischen Aktivitäten unterstützen. Abb.1 zeigt die Wirkung des Importzolls auf die Importnachfrage eines Entwicklungslandes. Im Freihandelszustand kann das Entwicklungsland den Weltmarktpreis OW für ein bestimmtes Gut nicht beeinflussen. Die Differenz zwischen der nachgefragten Menge OG und der Angebotsmenge OH ist die Importnachfrage, die das Land den Bedarf des Verbrauchers nicht befriedigen kann. Wenn der Importzoll in Höhe von TW eingeführt wird, erhöht sich der Inlandspreis auf OT. Die Nachfragemenge sinkt dadurch auf OB und die Inlandproduktion auf OA steigt. Die Importmenge verringert sich entsprechend auf AB.[3]

Devisenbewirtschaftung wird berücksichtigt, das bedeutet der Aufsicht und Lenkung des gesamten Zahlungs-, Kredit- und Kapitalverkehrs mit dem Ausland. Allgemeines Maß der Produktions- und Investitionsförderung, wie Subvention und steuerliche Vergünstigungen werden erfasst.

Einflussfaktoren

In den Entwicklungsländern gibt es oft einen großen und offenen Binnenmarkt. Der Einsatz der Importsubstitution führt zur Risikosenkung des Marktes. Das bedeutet, dass der Absatzmarkt vorhanden ist und man keinen neuen aufbauen muss. Es kommt somit zur Beschäftigungssteigerung und zur Senkung der Arbeitslosensraten. Weiterhin wird weniger Transport vom Ausland erwartet, die Transportkosten und das dazu gebundene Umweltproblem könnte somit mehr oder weniger gelöst werden.

Aufgrund des schlecht entwickelten Managements, der Technologien, und der Schutzzollpolitik haben die inländische Industrieprodukte meist schlechte Qualität und, oder höherer Produktionskosten. Die Isolierung von der Konkurrenz aus dem Ausland könnte Anreize zu Innovation, Effizienzsteigerung [4] und Wettbewerbsintensität inländischer Produzenten ausbleiben. Außerdem verliert man die Chance, sich von Skalenerträge zu profitieren. Wenn Skalenerträge bedeutsam sind, kann die Öffnung zum Weltmarkt die Chance zu Industrialisierung und schnellem Wachstum eröffnen.

Die Profite, die unter dem Schutz der Handelsschranken entstehen, sind oft eine Quelle von Korruption in der Regierung. Handelsschranken bleiben, wenn sie eingeführt sind, oft viele Jahre lang bestehen und können nur schwer abgeschafft werden. In einigen Fällen ist die Wertschöpfung der geschützten Industriezweige sogar negativ. Betrachten wir ein Beispiel eines Automobilherstellers, der in einem Entwicklungsland produziert, die Wertschöpfung dieses Automobileherstellers ist nicht der gesamte Wert eines Autos, sondern nur die Differenz zwischen der Importkosten der einzelnen Teile und dem Wert des Autos. Angenommen, dass die importierten Teile des Autos beschädigt werden, es würde dann billiger sein, das ganze Auto zu importieren als im Inland nur zu montieren. Die Konsumenten leiden darunter, den höheren Preis zu zahlen.[5]

Hohe Inflationsraten sind mit dieser Strategie verbunden. Es besteht eine Knappheit der Güter, weil ausländischen Konkurrenzen behindert werden. Preise werden durch Protektion geschützte Unternehmen steigen. Investitionsanreize werden zusätzlich über die Vergrößerung einer Geldmenge finanziert. Die inländische Währung wird bei einem System mit flexibler Wechselkurse abgewertet.[6]

Importsubstitution versus Exportdiversifizierung

Der Vorteil der Exportdiversifizierung gegenüber Importsubstitution besteht darin, dass die Gestaltung der Exportindustrien zwangsläufig unter der Kontrolle des internationalen Wettbewerbs steht, während die Importsubstitutionsindustrien für den Binnenmarkt leicht vor den Wettbewerb von außen geschützt werden können. Bei der Importsubstitutionsstrategie ist somit die Gefahr größer, dass ein Fehler der Ressourcenallokation auftritt, als bei der Exportdiversifizierung.

Importsubstitution als Vorbedingung der Exportdiversifizierung: Betrachten wir ein Beispiel von Japan, das eine erfolgreiche Wachstumspolitik via Exportdiversifizierung durchgesetzt hat. Alle Produkte, die gewöhnlich als japanische dynamische Exportprodukte vor und während der take-off Periode angesehen werden, wie Porzellan, Seide und Baumwollerzeugnisse, wurden vorher importiert. Porzellan und Seide kamen meistens aus China und Baumwollerzeugnisse aus Europa. Die Japaner produzierten mit solchen importierten Gütern weiter zu verschiedenen Arten von Produkten, die später exportiert werden können. Ohne vorherige Importsubstitution ist einfach nicht möglich, solche Produkte herzustellen.[7]

Historischer Kontext

Die erste Phase der Globalisierung zwischen Unabhängigkeit der lateinamerikanischen Staaten und der Weltwirtschaftskrise (1923–1929) vertiefte das Muster der kolonialen Arbeitsteilung. Lateinamerika exportierte Agrarerzeugnisse und Bergbauprodukte, die von einem oft quasi-feudalen Hacienda-System bzw. von oligarchisch organisierten Minenunternehmern hergestellt wurden. Die kleine besitzende Oberschicht befriedigte ihren Bedarf an hochwertigen Konsumgütern vor allem durch Importe aus Europa und den USA. Während die Exportsektoren des Subkontinents immerhin durch Technologie und Kapital aus dem Norden modernisiert wurden,[8] wurde der Rest dieser „dualen Wirtschaft“ abgekoppelt und stagnierte.[9] Das wichtigste Exportgut von 1900 in den Ländern Südamerikas: Argentinien (Wolle), Bolivien (Silber), Brasilien (Kaffee), Chile (Salpeter), Kolumbien (Kaffee), Mexiko (Silber), Peru (Zucker), Uruguay (Wolle) und Venezuela (Kaffee). Die meisten Staaten waren darüber hinaus zu 50–80 % des Exportes von nur zwei Gütern abhängig.[10]

Die Strategie der Importsubstitution wurde in meisten lateinamerikanischen Ländern im Zeitraum von 1930 bis 1980 durchgeführt. Die erste Welle begann durch den Einfluss der Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren. Lateinamerika hatte früher die primären Produkte exportiert und Investitionsgüter importiert, verhinderten jetzt den Import von Fertigeerzeugnissen. Dies diente dem Anreiz der heimischen Produktion der Güter, die sie benötigten. Die ersten Schritte in die Importsubstitution waren weitgehend untheoretisch und beruhten auf pragmatischen Entscheidungen, wie die durch Rezession auferlegten Einschränkungen bewältigt werden sollten. Die zweite Welle der Strategie erfolgte erst in den 50er Jahren mit theoretischen Grundlagen, die Raul Prebisch, ein argentinischer Ökonom und Direktor der UNCTAD legte. Er vertrat die Position, dass Entwicklungsländer nur erfolgreich sein könnten, wenn sie eine absatzorientierte Verflechtung hätten. Das heißt, dass die primären, im Inland hergestellten Produkte weiterhin von anderen Wirtschaftszweigen genutzt werden können. Importsubstitution war meistens erfolgreich in den Ländern, die eine große Bevölkerungsanzahl aufwiesen und über ein ausreichendes Einkommensniveau zum Konsum der lokalen Produkte verfügten. Lateinamerikanische Länder wie Argentinien, Brasilien,Mexiko,Chile, Uruguay und Venezuela hatten mit dieser Strategie großen Erfolg erreicht.

Chile hat die Importsubstitutionsstrategie in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts durchgeführt. Bis zu den 1970er Jahren hat Chile die gleiche Politik wie andere lateinamerikanische Länder verfolgt. Im Zeitraum von 1940 bis 1954 bewahrte der Staat die Industrialisierung durch ein Bündel von Maßnahmen, wie hohe Zollmauern als Schutz für den Binnenmarkt, preiswerte Kredite und Steuerbefreiungen für die heimischen Investoren und direkte Investitionen. In der Zeit wurde die Nachfrage nach Industrieprodukten ins Zentrum der wirtschafts- und sozialpolitischen Entwicklung gerückt. Die Konsumgüter produzierende Industrie wuchs rasch, vor allem die Textil- und Schuhindustrie. Der Anteil der Industrie am Bruttosozialprodukt erhöhte sich in den 40er und frühen 50er Jahren von 13,6 auf 24,9 Prozent und die industrielle Beschäftigung stieg um 70 Prozent an. Ab 1970 wurde die Produktionsbasis hinter der ausführlichen Restriktion des Imports entwickelt, während der Export des Landes als traditionelle Produkte fortgeführt wurde, insbesondere Kupfer. Im Mittel 70er Jahre ist die Wirtschaft des Landes in eine schwierige Phase aufgetreten, wenn Importrestriktion abgebaut und niedriges Zolltarif ersetzt wurde.Der Grund lag in der dramatischen Senkung der weltweiten Kupferpreis.[11]

Literatur

  • Robert Alexander: The Import Substitution Strategy of Economic Development, in: Dietz, James/Street, James: Latin America’s Economic Development. Institutionalist and Structuralist Perspectives, Boulder and London, 1987, Seite 118–127.
  • Helmut Hesse: Importsubstitution und Entwicklungspolitik in: Zeitschrift für die gesamte Staatswirtschaft, 124, 1968, S. 641–683.
  • Felipe Pazos: Import Substitution Policies, Tariffs, and Competition, in: Dietz, James/Street, James: Latin America’s Economic Development. Institutionalist and Structuralist Perspectives, Boulder and London, 1987, Seite 147–155.

Einzelnachweise

  1. T.An Chen; Zum Problem der Importsubstitution und der Exportdiversifikation, Diss. Münster(1969), S.49
  2. Juergen B.Donges Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik, Springer(1981), S.39
  3. Juergen B.Donges Außenwirtschafts- und Entwicklungspolitik, Springer(1981), S.35
  4. Stiglitz; Volkswirtschaftslehre, 2.Auflage, Oldenbourg, S.1125-1126
  5. Stiglitz; Volkswirtschaftslehre, 2.Auflage, Oldenbourg, S.1125-1126
  6. Lachmann; Entwicklungspolitik, Band 1: Grundlagen, 2.Auflage, Oldenbourg, S.173
  7. Lutz Hoffmann, J.C.B Mohr (Paul Siebeck);Importsubstitution und wirtschaftliches Wachstum in Entwicklungsländern, Tübingen (1970), S.41ff.
  8. Heinz Preuße, Heinz: Handelspessimismus alt und neu, J.C.B. Mohr, Tübingen, 1991, ISBN 3-16-145780-3. S. 9.
  9. Walther Bernecker, Hans Werner Tobler: Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und Außenbeziehungen Lateinamerikas im 20. Jahrhundert, in: Walther Bernecker, Hans Werner Tobler (Hrsg.): Handbuch der Geschichte Lateinamerikas, Band 3, Stuttgart, ISBN 3-608-91497-8., S. 15.
  10. Rosemary Thorp: Progress, Poverty and Exclusion. An Economic History of Latin America in the 20th Century, Washington, 1998, ISBN 1886938350., S. 53, 347.
  11. Paul R.Krugman, Maurice Obstfeld; international economics, 6.Edition, Addision Wesley(2003), S.260