Benutzer:Claudiahasse

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Mein Artikel: Okunsches Gesetz

Dossier: Wirtschaftslage Belgiens 2008

Die Phillips-Kurven im Zeitablauf

Ursprünglichen Phillips-Kurve

Die ursprüngliche Phillips-Kurve beschreibt einen empirischen Zusammenhang zwischen Inflationsrate (fortan: Inflation) und Arbeitslosenquote (fortan: ALQ). Dabei wird davon ausgegangen, dass eine niedrige ALQ zu einer hohen Inflation führt.

Im Zeitraum von 1978-1987 ergibt sich ein, entgegen der Erwartung, positiver Zusammenhang zwischen ALQ und Inflation. Eine steigende Inflation geht mit einer steigenden ALQ einher (Stagflation).

Wie aus Abbildung 2 ersichtlich ist, gibt es zwischen 1972 und 1987 einen Zeitraum, in dem beide Werte nicht korrelieren. Dies lässt sich zum einen durch den in vielen westlichen Ländern beobachteten Zusammenbruch der ursprünglichen Phillips-Kurven-Beziehung erklären.[1] Andererseits kam es 1973 und 1979 zu einer massiven Erhöhung des Rohölpreises (Ölpreisschocks). Dies sind die Punkte in Abbildung 2, an denen es zu einem gleichzeitigen Anstieg von ALQ und Inflation kam.

In den Zeiträumen von 1988-1997 und 1998-2007 ist der Zusammenhang zwischen ALQ und Inflation gut zu erkennen. So sank die Inflation um 0,445 % im ersten und um 0,438 % im zweiten Zeitraum, wenn die ALQ um 1 % anstieg.

Aus Abbildung 2 ist ersichtlich, dass die Punkte ab 1987 nicht mehr so sehr streuen, d.h. die Korrelation wird stärker. Somit wäre eine Periodisierung von 1987-2007 angebrachter. Hier ergibt sich die Beziehung:

\pi_t = -0,39 \cdot u_t + 5,26 (Erklärung der Variablen)

Eine Reduzierung der ALQ um 1% geht mit einer Erhöhung der Inflation um 0,39 % einher.

Erweiterte Phillips-Kurve

In der erweiterten Phillips-Kurve wird davon ausgegangen, dass die ALQ nicht die absolute Inflation beeinflussen kann. Vielmehr bewirkt sie eine Veränderung der Inflation von einem Jahr zum nächsten.

Abbildung 3: Die Erweiterten Phillips-Kurven Belgiens im Zeitraum 1978-2007.

Um die Aussagekraft der ursprünglichen mit der erweiterten Phillips-Kurve zu vergleichen, ermitteln wir das Bestimmtheitsmaß R² für beide Beziehungen in den vorgegebenen Zeiträumen. R² gibt in diesem Zusammenhang an, wie stark der Wert der Inflation durch Abhängigkeit von der ALQ erklärt werden kann. R² nimmt Werte zwischen 0 und 1 an. 0 bedeutet, dass kein Zusammenhang besteht und 1, dass eine Variable direkt aus der anderen ermittelt werden kann.

Es ist zu erkennen, dass die ursprüngliche Phillips-Kurve mehr Aussagekraft als die erweiterte Version besitzt. Allerdings kann auch die ursprüngliche Phillips-Kurve nur in den Jahren 1988-1997 einen hohen Anteil der Inflation durch die ALQ erklären. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Einen wichtige Ursache sieht Thomas Mazzoni in dem Zusammenhang zwischen der Importpenetration eines Landes und dem Kollaps der Phillips-Kurve. Die Importpenetration gibt an, wie stark die inländische Nachfrage durch importierte Güter gedeckt wird. Thomas Mazzoni führt aus, dass die Phillips-Kurve besonders in Ländern mit hoher Importpenetration „verwässert“ wird.[2] Da Belgien kaum eigene Bodenschätze besitzt, ist es stark von Import und Export abhängig. Die Importpenetration ist infolge von 32 % in 1960 bis auf 92 % in 2007 angewachsen.[3] Dadurch hängt die Preisbildung weniger von den Lohnabschlüssen im Inland sondern mehr von externen Faktoren, wie zum Beispiel Wechselkursschwankungen, Lohnerhöhungen bei wichtigen Handelspartnern oder Veränderungen bei Rohstoffpreisen, ab.

Natürliche Arbeitslosenquote

(engl. NAIRU, non-accelerating inflation rate of unemployment)

In der folgenden Tabelle finden sich die, aus der erweiterten Phillips-Kurve ermittelten, natürlichen ALQen. Sie sind den, über den selben Zeitraum gemittelten, tatsächlichen ALQ gegenübergestellt. Liegt die tatsächliche unter der natürlichen ALQ, sinkt die Inflationsrate.

Natürliche Arbeitslosenquote
Zeitraum natürliche ALQ gemittelte ALQ
1978-1987 3,35 9,30
1988-1997 8,38 8,31
1998-2007 8,02 7,95
1987-2007 8,01 8,21
eigene Berechnungen Claudia Hasse
(Quelle der Daten: ALQ: AMECO-Datenbank[3], Inflation: Datenbank der OECD[4])

Besonders auffällig ist die natürliche ALQ von 3,4 % im Zeitraum von 1978-1987. In diesen Jahren schwankte die tatsächliche ALQ eigentlich zwischen 7 - 11%, das Mittel lag bei 9,3 %. Mathematisch lässt sich nachweisen, dass die natürliche ALQ besonders in Jahren stark schwankender bzw. sinkender Inflation von der gemittelten ALQ abweicht. Dies war im Zeitraum von 1978-1987 der Fall. Da auch die Korrelation zwischen ALQ und Inflation in diesem Zeitraum besonders schlecht war, kann die natürliche ALQ in dieser Periode nicht als repräsentativ angesehen werden. Damit ergibt sich, unter der Einbeziehung der gemittelten ALQ, von 1978-2007 eine leicht sinkende natürliche ALQ.

Belgien hat im Vergleich zur EU-15 eine höhere natürliche ALQ. Dies erklärt sich aus der hohen strukturellen ALQ von 7,2 %.[5] Mögliche Maßnahmen, die hier ergriffen werden sollten, sind die Förderung des wirtschaftsschwachen Süden Belgiens sowie eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes.

Weitere Folgerungen aus der natürliche ALQ für die Wirtschaftspolitik sind allerdings, aufgrund des nur schwachen Phillips-Kurvenzusammenhanges, mit großer Unsicherheit behaftet. Trotzdem kann diese empirische Beobachtung helfen, wichtige Zusammenhänge in einer Volkswirtschaft zu verstehen.

Einzelnachweise

  1. Blanchard, Olivier; Illing, Gerhard (2006), Makroökonomie, 4. Auflage, München: Pearson Studium, S. 243
  2. Mazzoni, Thomas (2006): Import-Penetration und der Kollaps der Phillips-Kurve, Diskussionspapier, FernUniversität Hagen (PDF-Version des Artikels)
  3. 3,0 3,1 AMECO, Makroökonomische Datenbank der Europäischen Kommission (2007) (Abgerufen: 6. Mai 2008, 18:05 MEZ)
  4. Datenbank der OECD (Abgerufen: 6. Mai 2008, 18:00 MEZ)
  5. OECD Economic Surveys: Belgium, OECD Publishing, Ausgabe März 2007